Oberschwarzach. Hexenprozesse 1617/18 am Steigerwald IV

Die Schultheißinnenthese

Die Kirche von Kloster Ebrach im Steigerwald. Das Kloster war ein bedeutender territorialer Gegner Würzburgs in der Region. Bildvorlage: wikimedia commons

Mit Frau Wolf aus Ebersbrunn, Frau Scheubenass aus Buch und Frau Henfling aus Siegendorf waren im Frühjahr 1618 in der Zent Oberschwarzach drei Schultheißenfrauen von Zaubereianklagen betroffen. Im Juni kam noch die Schultheißin von Großgressingen dazu. Bereits 1616 war die Schultheißin Dorothea Link aus Handthal wegen Zauberei hingerichtet worden (StAW, Hist. Saal 375). Fünf Schultheißenfrauen in einer Zent in zwei Jahren, das ist eine

auffällige Zahl. Dies gilt auch, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet (fünf von 37 bekannten Hinrichtungen in den Jahren 1616/19).

Der Anteil der Schultheißenfrauen scheint mir auch in der benachbarten Zent Gerolzhofen signifikant hoch zu sein. In Gerolzhofen kann man noch genauer differenzieren: In denjenigen Dörfern, in denen Untertanen mehrerer Herren lebten, hatte jede Gruppe ihren eigenen Schultheißen. In der Region vorm Steigerwald dürfte dies in den meisten Dörfern der Fall gewesen sein. Es gab eine ganze Reihe von Herren: die Landgrafen von Ansbach, die Klöster Münsterschwarzach und Ebrach, die Fürsten Schwarzenberg, die Grafen Castell, die Fuchs von Bimbach, die Fuchs von Dornheim und eben Würzburg. Durch das Dorf Laub war sogar das Würzburger Bürgerspital als Dorfherr vertreten. Für diejenigen Orte, die früher zum Landkreis Kitzingen gehörten, sind die Herrschaftsverhältnisse für jeden Ort detailliert aufgeschlüsselt im Historischen Atlas Bayern, Kitzingen (1967).

Mindestens sechs dieser Nicht-Würzburger Schultheißen bzw. deren Frauen waren in diesen Jahren von Zaubereianklagen der Würzburger Zent Gerolzhofen betroffen. Für Einzelheiten und Nachweise verweise ich hier auf meinen Aufsatz „Was geschah in Gerolzhofen?“, in: Hexenprozesse im Hochstift Würzburg (2019), hier S. 144-146.

Der Ausschnitt aus diesem Aufsatz als pdf:

Wir wissen bei keinem der Oberschwarzacher Prozesse, wie er anfing. Ging es mit Besagungen aus dem Dorf los? Dann könnte man Sozialneid als Treiber annehmen, denn die Schultheißenfamilien gehörten immer zu den wohlhabendsten im Dorf. Kam die Initiative von den Amtleuten der Würzburger Gerichte? Dann könnte der Wunsch, die eigenen Gerichtsrechte gegenüber den anderen Herren zu demonstrieren, der Treiber sein. Kam die Initiative aus Würzburg selbst? Auch dann könnten die Herrschaftsrechte der entscheidende Punkt sein.

Territoriale Streitigkeiten mit dem Kloster Ebrach spielen jedenfalls auch in der für die Oberschwarzacher Prozesse zentralen Akte eine Rolle. Am 1. Januar 1618 heißt es in einem Konzept Aschhausens, der Abt von Ebrach weigere sich, Unkosten und Atz „der in unserm ampt Stolberg bißher iustificirter zauberischen personen“ einziehen zu lassen (StAW, Hist. Saal 376 fol. 96; Amt Stolberg ist die ältere Bezeichnung für das Amt Oberschwarzach, siehe Höfling 1836).

Unterlagen zu den Streitigkeiten über Gerichtsrechte zwischen den verschiedenen Herren vorm Steigerwald finden sich im Bestand StAW, Gericht Gerolzhofen. Kürzlich habe ich festgestellt, dass diese Akten zwar nicht über die Bestandstektonik des Staatsarchivs Würzburg greifbar sind („greifbar“ im Sinne von: man kann den Titel anklicken), wohl aber über das archivportal-d. Das ist verblüffend, denn normalerweise ist es immer umgekehrt, d.h. Unterlagen finden sich beim jeweiligen Archiv, aber noch nicht beim archivportal-d. (Das archivportal-d ermöglicht seit 2013 den Zugriff auf digitale Informationen aus deutschen Archiven und ist eine großartige Sache.)

Wie kommt man beim Archivportal zum Bestand StAW, Gericht Gerolzhofen? Zum Beispiel über diese Akte mit Streitigkeiten zwischen Ebrach und Würzburg, unten rechts dann der Link zum Bestand.

Um zur Ausgangsfrage (warum so viele Hexenprozesse in Gerolzhofen und Oberschwarzach?) zurückzukommen, hier als These: Das Bestreben, Gerichtsrechte und damit Herrschaft zu demonstrieren, war in Franken ein die Hexenprozesse treibender Faktor.

Zuerst publiziert 28.1.2024

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