Die erste (namentlich bekannte) Würzburger Hexe?

In der Handschrift Staatsarchiv Würzburg, HV MS f 887, sind von unterschiedlichen Händen verschiedene Texte und Notizen vor allem aus dem 17. Jahrhundert zusammengestellt. Die Signatur „HV“ steht für „Historischer Verein“, die Handschrift gehört also den Freunden Mainfränkischer Kunst und Geschichte, die sie im Staatsarchiv deponiert haben. Vorne findet sich der Vermerk „Geschenk eines Ungenannten 19. Juli 1886“ – was für die Frage, woher diese Handschrift stammt, keine wirkliche Hilfe ist. Wer hat sie angelegt und warum? Man weiß es nicht. Archivare würden sagen: Die Kontextinformationen fehlen, und das macht Schwierigkeiten.

Die Handschrift beginnt jedenfalls mit dem Protokoll der städtischen (?) Steuerstube für die Jahre 1610 bis 1617, in der es um Dinge wie Steuerzahlungen, nicht angezeigte Grundstücksverkäufe, Streitigkeiten mit Bürgen für Bürgerrechtsverleihungen und Wachgeldzahlungen geht.

StAW, HV MS f 887 S. 42

Auch eigenartige Dinge wie die Nachricht, im Bambergischen sei eine Frau von einer anderen Frau geschwängert worden, sind hier festgehalten („darauf alß sie die thätterin von dem landrichter examinirt, ist sie uf eingewende endschuldigung, wie sie wie ein andere weibspersohn wehre, durch etliche weiber besichtigt, und also uf beede recht salva venia der weiber außag wol staffirt, so woln das sie thäterin auch zuvorn bei ihren man ein kind uf die wellt gepracht befunden worden“, S. 42 – eine frühe Nachricht über eine diverse Person in Franken, Mai 1614). Ab Seite 59 werden chronikalische Nachrichten über die Zeremonien rund um das Ableben von Bischof Julius Echter 1617 mitgeteilt, gefolgt von den Riten und Feierlichkeiten rund um den Amtsantritt seines Nachfolgers Johann Gottfried von Aschhausen.

S. 75/76 wird eine Hinrichtung auf dem Würzburger Sternplatz (damals: Alter Fischmarkt) geschildert. Für uns heute ist unvorstellbar, in welchem Ausmaß damals öffentlich inszenierte Grausamkeit präsent war.

StAW, HV MS f 887 S. 75. Hinrichtung auf dem Sternplatz
StAW, HV MS f 887 S. 76

Auf den folgenden Seiten wird geschildert, wie Fürstbischof Aschhausen im Jahr 1618 eine Richtstätte erneuern lässt. Der Ort wird nicht genannt, man kann ihn aber erschließen: Die beim Bau beschäftigten Handwerker treiben Unfug und Erpressung mit Reisenden auf dem Weg nach Dettelbach und Kitzingen – es könnte sich um den langjährigen Standort des Würzburger Galgens an der Straße nach Rottendorf handeln (siehe den Richtplatz an der Straße nach Nürnberg etwa 1000 Schritte hinter dem Letzten Hieb auf einer Karte von 1844). In dieser Richtung ist übrigens auf Sebastian Münsters Würzburgansicht von 1548 das „Galgenthor“ eingetragen – ein Hinweis darauf, dass diese Hinrichtungsstätte bereits im 16. Jahrhundert in Betrieb war.

Elisabeth Mittelsdorf

Auf S. 85 geht es um die Fronleichnamsprozession in Würzburg 1618 und eine Würzburger Wallfahrt nach Walldürn. Und dann kommt die Nachricht, die uns hier besonders interessiert:

„Den 25. Junii 1618 hat M. Peter nachrichter ein weibspersohn ubern Main umb zauberei willen, Elisabeth Mittelsdörfferin genant, mit dem neuen richtschwerdt in der steuer gericht und hernach verbrant.“

StAW, HV MS f 887 S. 85. Hinrichtung von Elisabeth Mittelsdorf

Das heißt: Der Scharfrichter M. Peter hat am 25. Juni Elisabeth Mittelsdorf wegen Zauberei hingerichtet und dann verbrannt. Wenn die Angabe „ein weibspersohn ubern Main“ bedeutet, dass Frau Mittelsdorf im Würzburger Mainviertel wohnte, ist dies die erste namentlich bekannte wegen Hexerei hingerichtete Frau aus Würzburg (jedenfalls für die „hohe Zeit“ der Hexenprozesse, also den Zeitraum von etwa 1570 bis 1630. Zur Zeit davor kann ich nichts sagen). Als Ort der Hinrichtung wird „in der steuer“ genannt, was sich in der Handschrift immer auf die Steuerstube bezieht. Besonders wichtig ist dem Verfasser das „neue richtschwerdt“, das hier zum Einsatz kam. In den Tagen darauf ging der Scharfrichter, heißt es weiter in der Handschrift, dann nach Gerolzhofen, wo er drei Hinrichtungen vornahm, und nach Oberschwarzach (sechs Hinrichtungen wegen Zauberei).

StAW, HV MS f 887 S. 86. Hinrichtungen in Gerolzhofen und Oberschwarzach

Zu diesen Hinrichtungen gibt es auch andere Quellen, weshalb ich diese Angaben für verlässlich halte – und damit auch die Nachricht zu Frau Mittelsdorf. Bei allen Nachrichten hält der Verfasser eigens fest, dass es das neue Würzburger Richtschwert war, mit dem die Enthauptungen durchgeführt wurden.
Der nächste Eintrag in der Handschrift berichtet, dass Bischof Aschhausen sich am 9. Juli mit einem besonders geschmückten Schiff zur Wasserkur nach Schwalbach aufmachte.

 

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